Abläufe
Acht Minuten bis zur Freigabe. Den Unterschied hat eine Leseliste gemacht.
Einen Newsletter, für den die Auftraggeberin bis zu zwei Stunden brauchte, gab sie im zweiten Lauf nach acht Minuten frei. Den Unterschied zum ersten Lauf hat kein besseres Werkzeug gemacht, sondern eine Regel: was zuerst gelesen wird.

Acht Minuten vom Auftrag bis zur Freigabe, für einen Newsletter, der vorher bis zu zwei Stunden Handarbeit war. So lief der zweite Durchgang eines Agenten, den ich Ende Mai gebaut habe. Der erste Durchgang war genauso schnell und nicht zu gebrauchen. Zwischen beiden lag keine bessere Technik, sondern eine Regel, die vorschreibt, welche Datei vor dem Schreiben zu lesen ist. Wer KI-Agenten einsetzt, kauft nicht Tempo. Er kauft die Möglichkeit, Arbeiten abzugeben, ohne die eigenen Ansprüche aufzugeben.
Was zwischen den zwei Läufen passiert ist
29. Mai 2026, Nachmittag. Der Agent sollte einen Newsletter für meine Auftraggeberin erstellen. Bis dahin hatte sie ihn selbst geschrieben. Der erste Lauf lief technisch sauber durch. Inhaltlich kam generischer Content heraus. Nichts daran war falsch, und nichts daran war ihres.
Daraufhin habe ich die Konfiguration nachjustiert: Die Datei mit ihrer Schreibstimme musste zwingend vor jedem Schreiben gelesen werden. Die Regel legt nun fest: zuerst diese Datei lesen, dann schreiben.
Der zweite Lauf traf ihren Ton schon viel besser.
Am Tag davor war mir dasselbe Muster schon einmal begegnet, an anderer Stelle im Aufbau. Der erste Versuch lief durch und ging am Stil vorbei, weil das Markenmaterial nicht hinterlegt war. Der zweite war technisch tadellos und traf ihren Stil immer noch nicht. Zweimal derselbe Befund in zwei Tagen. Was nicht gelesen wird, fehlt nicht spürbar. Ohne ihre Texte als Grundlage schreibt der Agent so, wie viele Newsletter klingen.
Meine eigene Agentin hat dieses Muster fünf Tage vorher an sich selbst beschrieben, ohne dass es dabei um diesen Aufbau ging:
Was im Blindbereich liegt, wird nicht als ‚fehlend‘ registriert — es wird als ‚nicht vorhanden‘ behandelt. Nicht böswillig. Strukturell.
Was gemessen ist
Der zweite Lauf ist der Vorgang, den ich beziffern kann. Um 15:13 der Auftrag, um 15:21 die Rückmeldung „Freigabe erfolgt“, dazwischen acht Minuten, am Ende ein fertiger Testversand im System.
Zum Vergleich: Nach eigener Angabe brauchte meine Auftraggeberin für denselben Vorgang von Hand 60 bis 120 Minuten – wenn alles glatt lief.
Was einmal kostet, und was jedes Mal
Einmal
Sieben ihrer eigenen Newsletter ausgewertet, elf Dateien angelegt, darunter die mit der Schreibstimme. Dazu der Aufbau am Server, mit fünf Stolpersteinen, die ich danach in eine Anleitung geschrieben habe, und die Anbindung der Postfächer, am 29. Mai.
Im Betrieb
je nach LLM-Modell zwischen zehn Cent und 1,20 Euro je Durchgang und zusätzlich den einen oder anderen Korrekturlauf vor der finalen Freigabe.
Der Aufbau fällt einmal an. Was bleibt, ist der Durchgang: Auftrag geben, lesen, freigeben.
Wer die Leseliste eigentlich schreibt
Der Teil, der über die Nutzbarkeit des Newsletter-Entwurfs entschieden hat, war kein technischer. Es war die Entscheidung, welche Unterlagen ein Agent kennen muss, damit der Newsletter in Ton und Ausdruck zu seiner Absenderin passt. Diese Entscheidung braucht fachliches und sprachliches Urteilsvermögen. Sie liegt bei den Personen, die beurteilen können, welche Texte als Vorbild taugen.
Und bei Ihnen
Nehmen Sie einen Vorgang, den Sie heute abgeben würden: ein Angebotsschreiben oder eine Absage. Welche Unterlagen müsste jemand lesen, der ihn zum ersten Mal übernimmt, bevor er die erste Zeile schreibt?
Und die zweite Frage: Liegen diese Unterlagen digital vor? Oder steckt das nötige Wissen im Kopf eines Menschen, der mit der Aufgabe so vertraut ist, dass er es bisher nie aufschreiben musste?

